Als Dr. Sibilla Maria Petterson O’Monahan Qa’a an diesem trüben Tag auf die Transponderkabine zuging, hatte sie das Gefühl, einen großen Fehler zu machen.
Dieses Gefühl begleitete jedoch beinahe alle Dinge, die sie in Angriff nahm, und so war sie daran gewöhnt und beachtete es nicht weiter.
Ihr Seesack muffelte, und sie schwang ihn auf die andere Schulter. Das half auch nicht sehr, aber der Wind wehte die Geruchsmelange aus Schimmel, alten Schuhen und ungewaschenen Sportsocken jetzt wenigstens nicht mehr direkt in ihr Gesicht.
Gewiss gab es praktischere, modernere und weniger miefige Möglichkeiten, seinen Kram zu befördern, zum Beispiel die schicken neuen Gepäckprismen, die über Magnetfelder gesteuert wurden, und einem überall hin folgten. Sie hatte da letztens eins gesehen, in amalanchanischem Grün, das hervorragend zu ihren Haaren passen würde. Aber abgesehen davon, dass ein einziges mittelgroßes Prisma bereits einen halben Monatssold verschlingen würde, war das doch eher etwas für die Schicki-Micki-Tussen, die in den Raumbahnhöfen auf elegante Erste Offiziere warteten, und dabei nichts anderes taten, als dekorativ auszusehen. Sib fragte sich seit Jahren, wie die Mädels es schafften, sich derartig teuer auszustatten. Außer am Bahnhof herumzustehen schienen sie nichts weiter zu tun. Also- wo war die Kohle her, die sie brauchten, um so teures Zeug zu haben?
In Gedanken versunken, betrat sie die Transponderkabine, verspürte das vertraute Saugen und erschien, immer noch grübelnd, einige Sekunden später am Schalter des zuständigen Sekretärs des Verwendungsoffiziers.
Der Sekretär entstammte offenbar einem der Neuen Völker, vielleicht ein Sabarint, wenn er auch zu viele und zu lange Arme hatte. Die blank polierte Kuppe seines Schädels schimmerte in einem der altmodischen Blautöne, die sich in der Verwendungsbehörde noch als Rangzeichen gehalten hatten. Je dunkler das Blau, desto höher gestellt der Träger. Dieser hier trug ein blasses Lila, und Sib hatte keine große Hoffnung, schnell zum VO durchgelassen zu werden.
Und richtig.
Der Sekretär verzog die Nasen, als der stechende Geruch des Seesacks durch das Plasmafeld sickerte, und forderte sie mit einer beleidigten Geste auf, sich zu identifizieren.
Sib verdrehte die Augen.
Herrje. Sie war doch nicht von gestern. Außer ihr war niemand hier. Der Heuertermin war lange vorbei, die Chance, dass noch mehr Leute unterwegs waren zu ihren neuen Stationen war gleich Null. Sie hatte einen Termin, und sie war bereit, den Seesack samt Inhalt darauf zu verwetten, dass er ganz genau wusste, wer sie war.
Mit einem unterdrückten Seufzer legte sie die Handfläche auf die ID-Platte.
Der Scanner fiepte beinahe sofort. Wenigstens einem war hier klar, was sich gehörte.
Ungeduldig winkte der Typ mit einer Hand in die Richtung, von der sie genau wusste, dass Cameron sein Büro dort hatte.
Cameron. Ein bisschen mulmig war ihr ja- seit der Explosion auf Grautame Theta hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er hatte sich nach ihr erkundigt, das hatte man ihr auf ihre Frage hin bestätigt. Na ja, „Frage“ war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Ein wenig Kenntnisse in Speichermanipulation waren nötig gewesen, um dem Pflegebot die Informationen aus den Chips zu kitzeln. Irgendein vergesslicher Wartungstechniker hatte sein Handbuch liegen lassen, und damit, sowie mit ein paar fast vergessenen Tricks aus ihrem Studium war es dann ganz gut gelaufen.
Der Bot hatte keine eingebauten Empathie-Sensoren (was man der Pflege anmerkte- da würde noch einiges zu verbessern sein), und so konnte sie ihm keine Angaben darüber entlocken, mit welcher Intention Cameron gefragt hatte.
Aber er hatte immerhin gefragt, was bedeutete, dass er irgendeine Art von Interesse für sie bewahrt hatte.
Vor Camerons Bürotür war der übliche Parcours aufgebaut: Bodyscanner, die Schwerefelder zur Aufnahme der Kleidung und Transportbehälter der Besucher, sowie der Dispenser für die Einmalkleidung.
Ziemlich gelangweilt betrat sie das Scanfeld, zog die Karte mit der Mengenangabe des in ihrem Bein enthaltenen Siliziums und des Titans in ihrem Schädel durch den Schlitz, und zog dann den schmuddeligen Overall aus. Sie legte den Seesack und den Overall in den Einzugskreis für das Schwerefeld und hoffte, dass die Flasche mit dem 2066er Champagner die Sicherheitsaufbewahrung überleben würde. Einen Moment lang amüsierte sie sich mit der Frage, wie wohl die empfindliche Elektronik auf Zucker, Alkohol und Kohlensäure reagieren würde, dann warf ihr der Dispenser einen neuen Overall zu.
Oh.
Es gab wohl doch etwas Neues. Vermutlich war einmal zu viel und einmal beim Falschen der ausgegebene Papieroverall gerissen und hatte denjenigen ziemlich alt und nackt aussehen lassen- die neue Variante war aus Stoff, wenn auch aus billigem, ungefärbtem Zectron.
Sie zog das Kleidungsstück an, und bewunderte die Ingenieurskunst, die sich darin ausdrückte. Eigentlich sollte der Apparat schon aus der Datenbank der Explorerflotte wissen, dass sie weiblich war, humanoid, mit jeweils zwei Armen und Beinen, und theoretisch konnte es nicht weiter schwer sein, aus dem gespeicherten sonstigen Datenbestand zu entnehmen, wie groß und wie schwer sie war- außerdem kam noch der Bodyscan hinzu, der ihre Maße nahm und die mit den gespeicherten Angaben verglich. Trotzdem schaffte es diese mistige Maschine, etwas auszuspucken, was vermutlich auch dem Sabarint an der Empfangstheke gepasst hätte.
Auf jeden Fall hatte das Ding einen Ärmel zu viel, spannte im Schritt, weil das Oberteil zu kurz war, dafür waren die Beine so lang, dass sie sie umschlagen musste, damit sie unfallfrei gehen konnte.
Sie fummelte eine Weile an den Verschlüssen und ärgerte sich wieder einmal, dass teure Technologie für diese Dinger verschwendet wurde. Was war nur aus den guten, alten Knöpfen geworden?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen