Dienstag, 13. Oktober 2009

Der erste Tag III

Mit Alpha Gamma hatte Cameron sie wirklich voll erwischt, dachte Sib, nachdem sie im Shuttle Platz genommen und sich angeschnallt hatte. Bis zu ihrem Bestimmungsort wären sie noch eine ganze Weile unterwegs- ihre letzte Chance also, sich Gedanken dazu zu machen, wie es weitergehen würde.




Der Pilot flog zwar wie ein Verrückter, aber wie einer, der sich auskannte. Vielleicht war das schon ein Symbol für das gesamte Kommando…



Alpha Gamma, eine der schmuddeligsten, vergessensten, heruntergekommensten Stationen, die man sich denken konnte , mit dem Charme eines Schlachtschiffs cum Rattenplage und dem Karma einer Sondermülldeponie- sowie dem zusätzlichen Reiz eines abgelegten Liebhabers in befehlshabender Position. Glücklicherweise nicht in ihrer Befehlskette, da sie als leitende Ärztin direkt dem Brigadier General unterstellt war, aber zu normalen Zeiten ihr gleichgestellt, und zumindest bei Lagebesprechungen würde sie ihm nicht aus dem Weg gehen können.

So ein verdammter Mist. Der Typ war eindeutig psychotisch gewesen, und was sie dazu bewogen hatte, sich mit ihm einzulassen, war ihr schon lange nicht mehr klar. Immerhin bestand eine schwache Aussicht, dass er sie inzwischen einfach vergessen hatte. Elektroschocks hatten manchmal einen gewissen Gedächtnisverlust als Nebenwirkung.



Als die Innenbeleuchtung des Shuttles sich kurz vor dem Andockmanöver ausschaltete, zwang sie sich, ein unbefangenes und neutrales Gesicht zu machen, damit sie wenigstens eine kleine Chance hatte, sich nicht gleich vollkommen unbeliebt zu machen.



Das Shuttle sonderte bizarres Zischen, Klappern und sonstiges Getöse ab, während der Pilot in dem schwachen Schwerefeld der Station versuchte, was zusammen gehörte auch zusammen zu bringen.

Schließlich war es soweit, die Luftschleusen öffneten sich und mit Erleichterung registrierte Sib, dass der Druck wieder Normalniveau erreichte. Die meisten dieser älteren Shuttles waren undicht, und um den steten Druckverlust sozusagen vorweg zu kompensieren, herrschte ein konstanter Überdruck, der empfindlicheren Naturen gehörig auf die Trommelfelle schlug.

Sie schnallte sich los, streckte sich nach der Gepäckkammer über den Sitzen und holte ihren Seesack hervor.

Dann warf sie ihn über die Schulter, rückte das Koppel mit den Rangabzeichen und ihrer Waffe gerade, straffte den Rücken und verließ das Shuttle durch die Luke. Über der Lehne des Sitzes hing schlaff und vergessen der Umhang, der sie als Mitglied des medizinischen Korps auswies.



Der erste Eindruck, den sie von der leibhaftigen Station hatte, war das üble Grün, mit dem die Wände und die Schotts gestrichen waren. Und den Gestank nach Testosteron.

Die Notbeleuchtung machte das Gefühl nicht wett, in einem schimmeligen Laib Brot umherzugehen, sondern fügte dem ganzen auch noch unheilverkündende Schatten und, mittels einiger defekter Leuchtkörper, ein vages Flimmern und Flackern hinzu.

Große Klasse. Da hatte jemand am Renovierungsfonds gespart. Und zwar kräftig.

Sie seufzte, und hoffte wider besseren Wissens, dass sie am Lieferantendeck gelandet war, und dass so eine deprimierende Ecke der Station nicht etwa auch für Botschafter und Offizielle anderer Mächte der erste Eindruck dieses Außenpostens der Zivilisation wäre.



Mit erneutem Zischen schloss sich die Schleuse zum Shuttle, und der Pilot legte ab. Stille kehrte ein, nur ein dumpfes Brummen, mehr gefühlt als gehört, füllte den Raum.

Die Generatoren wahrscheinlich.

Die kleine Gangway bebte und wackelte, dann hatte sie endlich festen Boden unter den Füßen.

Langsam ging sie den Gang hinab. Er schien vor ihr immer enger zu werden, wie ein Trichter - kein Schild, kein Hinweis, aber auch keine Möglichkeit, abzubiegen oder sich zu verlaufen. Nur endlos grüne Wände, Hunderte von Metern lang.

Dass es überhaupt vorwärts ging merkte sie nach einer Weile daran, dass sie sich den Generatoren zu nähern schien, jedenfalls wurde das Brummen lauter, und schließlich hörte sie Stimmen. Laute Stimmen, wie sie bald bemerkte, Gebrüll und Gepolter, dann ein Johlen und Pfeifen wie bei den Gladiatorenkämpfen auf Aulatis, dem Vergnügungsasteroiden im Sektor Epsilon Theta.



Der Lärm kam eindeutig irgendwo von rechts, und nach fünf oder sechs weiteren Minuten erreichte sie die erste Abzweigung, seit sie die Station betreten hatte.

Sie bekam jedoch keine Gelegenheit, den Raum zu betreten, der sich da öffnete, denn beinahe sofort rannte jemand sie um.

Verblüfft starrte sie dem langen Typ hinterher, der, seine rechte mit der linken Hand schützend vor die Brust haltend, ohne sie weiter zu beachten den Gang hinunter eilte.

Sie zuckte mit den Schultern. Merkwürdiges Volk hier.

Sie wandte sich wieder der Tür zu, nur um erneut umgerannt zu werden, diesmal von einem riesenhaften Kerl, der ziemlich versengt roch.

Die Hände hielt er vor dem Gesicht, und laut stöhnend und brüllend wie ein angeschossener Bulle taumelte er hinter dem ersten her.



Der Lärm war inzwischen verstummt und so etwas wie betretenes Gemurmel machte sich breit.

Den Kopf auf die Brust gesenkt (um potenzielle Verletzungen zu vermeiden) und mit hochgezogenen Schultern bog Sib endgültig um die Ecke und betrat den Raum.

Sonntag, 20. September 2009

Mit Pauken und Raketen

"Das klang nicht sehr nett!" sagte Frank der Pilot.

"Nein, aber es könnte immer noch ein Ulk sein." erwiderte Mayflower.

"Die Sicherheitstypen von Alpha Gamma ulken nicht, das sind gestandene Psychopathen! Allen voran Sgt. Grimm."

Mayflower ließ den Kopf sinken. Diese Station schien wirklich den übelsten Idiotenhaufen zu beherbergen, den er bisher zu Gesicht bekommen hatte.

"Sollten sie nicht binnen 5 Sekunden ihre Kennung senden, sehen wir uns gezwungen Gewalt anzuwenden!"

"Oh Gottohgottohgott ......!" murmelte der Pilot.

Mayflower konnte in gewissen Situationen einen erstaunlichen Optimismus an den Tag legen, aber dafür schien es ihm nicht der rechte Moment zu sein.

"Ja Frank, beten ist nie verkehrt, aber wenn.... Was zum Henker ist das???"

Frank der Pilot spähte panisch durch die Scheibe und erkannte das Ding, auf das Mayflower zeigte.

"Das ist ein Massetorpedo, Sir...." sprach's und sackte bewusstlos zusammen.

"Super...super...super...." murmelte Mayflower als er den schlaffen Frank vom Pilotensitz zerrte.

"Docking Sequenz eingeleitet. Druckausgleich." hallte es mechanisch über das dezent antiquierte Shuttledeck.

Das Zubringershuttle war sicher angedockt und zischte nun behäbig beim Druckausgleich.

Der diensthabende Dockingofficer hatte ein schlechtes gewissen. Er hätte seinen Kumpel Frank ja über das Interkom verraten können, dass die verrückten von der Sicherheit sich einen Spaß mit ihrem neuen Vorgesetzten erlauben wollten, aber das hätte ihn selbst zu ihrem Opfer gemacht.

"So weit geht die liebe nun auch nicht." murmelte er als hinter ihm ein Schott aufging und Sgt. Grimm in all seiner übellaunigen, bösartigen Größe hindurchtrat.

Er musterte den Dockingofficer mit einem durchdringenden Blick zu dem nur ein einäugiger mit Augenklappe fähig ist, und steckte sich eine Zigarre in den Mund, die sich sofort entzündete.

Es war eine von den teuren, für die man kein Feuer braucht, um sie zu rauchen. Man biss einfach kurz hinten hinein, und vorne begann es zu brennen.

Genuss- und geräuschvoll sog Grimm den Rauch ein und stieß ihn langsam wieder aus, als sich langsam das Shuttleschott hob und sich eine winzige Gangway hinausschob.

Dann trat lt. Commander Mayflower auf die kleine Gangway und Schritt vorsichtig nach unten. Auf seinen Schultern trug er Frank den Piloten.

Mayflowers Blick fixierte den Dockingofficer auf den er sich langsam aber zielstrebig zu bewegte.

Den erwartungsvoll rauchenden Riesen schien er zu ignorieren, oder nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmen.

Als er schließlich vor dem Dockingofficer stand wuchtete er ihm den bewusstlosen Piloten auf den Arm.

"ich bin lt. Commander Mayflower, und ich habe erst mal nur eine Frage: wo ist der Krankenbereich?"

Der verdutzte Dockingofficer schwankte unter Franks Gewicht hin und her und begutachtete den bewusstlosen kurz.

"Frank scheint aber nix abbekommen zu haben." sagte er kurz darauf.

"Nein, er nicht. Es geht um mich."

Neugierig trat nun auch Grimm näher.

"Was fehlt ihnen denn Sir?" fragte der Dockingofficer.

"Ich habe eine Verbrennung an der Hand."

Der Dockingofficer sowie Sgt. Grimm schauten auf die Hände des lt. Commanders.

"Die Krankenstation ist den Gang runter, Sir, aber ich kann da keine Verbrennung..."

in diesem Moment schlug Mayflower zu.

Er traf Grimm, den riesigen Sicherheitschef direkt mit der Faust auf die glühende Zigarre und zerdrückte sie in Grimms Gesicht.

Grimm taumelte benommen, fiel aber nicht um.

"Den Gang runter sagen sie?" murmelte Mayflower und hielt sich die rechte Hand.

Als Antwort kam nur ein ungläubiges Nicken.

Dann verschwand Mayflower durch das Schott und Schritt langsam den Gang hinunter.

Sonntag, 13. September 2009

Der erste Tag/II


Wenige Sekunden später hörte sie Cameron „Herein“ rufen.
Wie immer klang seine Stimme ungeduldig, was vielleicht daran lag, dass man hier eigentlich nicht anklopfte, sondern einen Raum einfach betrat- Sib fand das nicht empfehlenswert, da sie Cameron als schreckhaft und bewaffnet kannte. Das war eine Kombination, deren potenzielles Risiko sie nicht einschätzen konnte, daher ging sie es auch nicht ein. Nicht umsonst war sie eine der dienstältesten Bordärzte der Explorerflotte.
„Commander Cameron.“
„Doc Qa’a.“
Typisch Cameron- er sprach es wie „Docker“ aus. In dem Zectron-Overall sah sie allerdings auch aus wie ein Hafenarbeiter, und einen Augenblick wünschte sie sich, ihm ein einziges Mal nicht in dieser Behelfskleidung oder in einem der türkisen Umhänge ihres Berufs gegenüber treten zu müssen. Sie tat den Gedanken als irrational und verweichlicht ab, und schaute ihn fragend an.
„Haben Sie schon einen Einsatz für mich?“
„Nehmen Sie Platz, Doc“ er wies mit der verkrüppelten Hand auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Cameron liebte es altmodisch, sein Schreibtisch hatte noch Beine und eine Arbeitsfläche. Der Stuhl, der davor stand, erinnerte Sib stark an die Stühle, die sie bei ihrem letzten Aufenthalt auf der Erde in diesem schwedischen Möbel- Museum gesehen hatte. Als Küchenstuhl, circa 1984.
Gehorsam setzte sie sich.
Mit einer Handbewegung ließ Cameron das Sicherheits- Plasmaschild in sich zusammenfallen und schwenkte das Bildprisma so, dass sie mit ihm gemeinsam die Details des nächsten Einsatzes ansehen konnte.
Prachtvoll. Drei Monate außer Gefecht, und schon waren alle Menüs wieder umgestrickt. Sie erkannte kein einziges.
Cameron wedelte mit der Hand, führte komplizierte Bewegungen mit dem Steuerstift aus und die Bildschirminhalte wechselten in rasendem Tempo. Schließlich hielt er inne, und sah sie an.
„Ich habe mir lange Gedanken gemacht, wo wir Sie Ihren Fähigkeiten entsprechend einsetzen können...“
Oha. Fähigkeiten. Nun denn.
„... und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass, in Anbetracht Ihrer unbestreitbaren Verdienste sowie der jüngsten Ereignisse Sie es verdient haben, einen ruhigeren Einsatz zu bekommen. Deshalb...“
Sie unterbrach ihn ungläubig.
Ruhiger? Auf welchem Schiff kann es ruhiger zugehen als auf dem Botschafter-Shuttle? Und da habe ich mich zu Tode gelangweilt!“
Geduldig nahm Cameron den Faden wieder auf.
„Ich weiß. Und nur, weil es so langweilig war, weil der Posten gar kein richtiger Posten war, haben Sie sich veranlasst gesehen, zu dem, was geschehen ist, beizutragen, ich weiß. Das ist untersucht worden, das Thema ist durch, Doc. Dass die Sache schief gegangen ist, ist nicht Ihnen anzulasten, das wissen wir. Aber, Sie verstehen- Sie sind nicht dienstunfähig, und wir brauchen gerade einen Arzt. Nicht auf einem Schiff!“ fügte er eilig hinzu, als sie sich vorbeugte und ihn gespannt ansah.
Sie lehnte sich zurück.
„Auf Alpha Gamma“ fuhr er fort, und vermied jeden Blickkontakt.
Oh.
Scheiße.

Der andere erste Tag

„Sind sie angeschnallt, lt. Commander?“ fragte der Shuttle Pilot und drückte wild und mit geübten Bewegungen auf seinem Steuerpanel herum.
Mayflower, selbst Pilot und ein gar nicht mal schlechter, wie er selbst von sich ganz zu recht dachte, rutschte auf seinem Sitz hin und her.
Er flog nicht selbst, das machte ihm immer zu schaffen. Warum darf man als lt. Commander den Leuten Kommandos geben um ihnen dann dabei zuzuschauen wie sie die brillanten Anweisungen gekonnt in den Sand setzen?
„Sir?“
„Ja, ich bin angeschnallt, machen sie sich keine Sorgen.“
Er hasste es, wenn er gegenüber Untergebenen diesen besonderen, leicht genervten Ton benutzte. Aber dieser Ton war wie ein Gähnen, extrem schwer zu verhindern.
Nach einer Weile drehte sich der Pilot herum und schaltete das Kabinenlicht heller, er hatte auf Autopilot geschaltet und war anscheinend bereit für ein Schwätzchen.
Mayflower nicht.
Dieser starrte konsequent am Piloten vorbei durch die transparente Lucistahl Scheibe des Shuttles.
„Soooo, sie sind also für Alpha Gamma eingeteilt, Sir?“
„Nein ich mache da Urlaub.“ Antwortete Mayflower ohne den Blick von der Scheibe zu wenden.
„Urlaub, Sir?... in dieser trostlosen Ecke des Universums?...mit all den Verrückten an Bord der Alpha Gamma?“ er musste kichern und es klang wie ein kleines Mädchen, das sich über einen albernen Witz von Onkel Bob amüsierte. „Hier gibt’s doch nichts, außer der wöchentlich andockenden Versorgungsshuttles.“
Mayflower fixierte ihn kurz, dann wandte er wieder den Blick durch die Frontscheibe.
„Pilot,...wie ist ihr Name?“
„Sgt. Frank Peers, Sir.“
„Frank, hören sie.“ Mayflowers Stimme senkte sich. „Warum machen sie nicht ein Riesengeheimnis um ihre Meinung zu Alpha Gamma, meinem neuen Arbeitsplatz? Da wäre uns vielleicht beiden geholfen. Mir damit sie mir nicht unglaublich auf die Nerven gehen, und ihnen, dass ich sie nicht sofort dorthin versetzen lasse.“
Frank der Pilot schluckte schwer.
„Und dort müssten sie dann das Pilotentraining nachholen, und zwar unter mir!“
„Wie...wieso das, Sir?“
„Weil sie kandarianisches Rindvieh es geschafft haben, einen Kolisionskurz auf den einzigen Asteroiden weit und breit zu errechnen, wollen ihre Vorgesetzten sie loswerden oder mich umbringen?“
Panik wirbelte Franks Gesichtsausdruck durcheinander, er schoss herum und erkannte den Asteroiden. Auf der Station nannten sie ihn „Bullet“, weil er alle 3 Tage in 2 Klicks Entfernung an der Station vorbeirauschte.
Nun schoss er auf das Shuttle zu und Frank hatte noch 2 Minuten um das Schiff um den riesigen Felsball herum zu manövrieren.
Mayflower hatte ihm eigentlich genug Zeit gegeben, also wusste er schon in dem Moment als Frank den Kurs setzte und der Bordcomputer die Koordinaten aufsagte, dass sie Bullet begegnen würden, was für ein Arschloch.
Bullet schoss vorbei und Mayflower schaute ihm hinterher, in dem Wissen, dass er die verkrustete Oberfläche das Asteroiden noch sehr oft sehen würde.
„Entschuldigen sie, Sir, es war nicht meine Absicht sie in Gefahr zu bringen.“
„Schon ok.“ Mayflower hatte sein Infocom aus der Beintasche seines Overalls gezogen und tippte darauf herum..
Plötzlich ertönte aus allen Lautsprechern die blechern, bedrohliche Stimme eines Mannes.
„Sie verletzen unangemeldet den Sicherheitsbereich von Alpha Gamma, wenden sie, oder machen sie sich bereit beschossen zu werden.“
Frank drehte sich um und schaute Mayflower ängstlich an.
„Na, wo kommt die Stimme her?“ fragte Mayflower ruhig.
„Von der Station.“
„Und was will sie?“ half Mayflower weiter.
„Dass wir wenden.“
„Und warum will sie das?“
„Sie verletzen unangemeldet den Sicherheitsbereich von Alpha Gamma, wenden sie, oder machen sie sich bereit beschossen zu werden.“
„Weil wir unser Kennung nicht gesendet haben, Sir... es tut mir leid.“
„Aha... dann senden sie die Kennung.“
Frank tippte wild auf seinem Steuerpanel.
„Es,... es funktioniert nicht!“
„Sie verletzen unangemeldet den Sicherheitsbereich von Alpha Gamma, wenden sie, oder machen sie sich bereit beschossen zu werden.“
„Das dachte ich mir bereits.“
„Wie das, Sir?“
„Weil ich mir genau so meinen ersten Tag auf Alpha Gamma vorgestellt habe!“
Mit diesen Worten steckte Mayflower das Infocom in die Tasche, öffnete seinen Sicherheitsgurt und stand auf.
„Ja, genau so habe ich mir das vorgestellt.“ murmelte er, und trat an die Kommunikationskonsole.
„Sie verletzen unangemeldet den Sicherheitsbereich von Alpha Gamma, wenden sie, oder machen sie sich bereit beschossen zu werden.“
„Da werden wir jetzt mal drüber reden.“ sagte er und öffnete einen Kanal zu Alpha Gamma.
„Hier spricht lt. Commander Mayflower, und ich bin, wenn ich mich recht entsinne, und das ist der Fall, ihr neuer Vorgesetzter. Also möchte ich sie bitten das erwähnte Beschießen zu unterlassen. Im übrigen macht ihre Ansage nicht so richtig viel Sinn, wie soll man sich bereit machen beschossen zu werden?“
Dann sagte er, an Frank den Piloten gewandt: „Sind das die Jungs von der Sicherheit?“
„Bin mir nicht sicher, Sir.“
„Wir mögen keine Klugscheißer auf Alpha Gamma!“
„Ja, Sir, das sind die Jungs von der Sicherheit.
Mayflower nickte und das Drama nahm seinen Lauf.

Samstag, 12. September 2009

Der erste Tag


Als Dr. Sibilla Maria Petterson O’Monahan Qa’a an diesem trüben Tag auf die Transponderkabine zuging, hatte sie das Gefühl, einen großen Fehler zu machen.
Dieses Gefühl begleitete jedoch beinahe alle Dinge, die sie in Angriff nahm, und so war sie daran gewöhnt und beachtete es nicht weiter.
Ihr Seesack muffelte, und sie schwang ihn auf die andere Schulter. Das half auch nicht sehr, aber der Wind wehte die Geruchsmelange aus Schimmel, alten Schuhen und ungewaschenen Sportsocken jetzt wenigstens nicht mehr direkt in ihr Gesicht.
Gewiss gab es praktischere, modernere und weniger miefige Möglichkeiten, seinen Kram zu befördern, zum Beispiel die schicken neuen Gepäckprismen, die über Magnetfelder gesteuert wurden, und einem überall hin folgten. Sie hatte da letztens eins gesehen, in amalanchanischem Grün, das hervorragend zu ihren Haaren passen würde. Aber abgesehen davon, dass ein einziges mittelgroßes Prisma bereits einen halben Monatssold verschlingen würde, war das doch eher etwas für die Schicki-Micki-Tussen, die in den Raumbahnhöfen auf elegante Erste Offiziere warteten, und dabei nichts anderes taten, als dekorativ auszusehen. Sib fragte sich seit Jahren, wie die Mädels es schafften, sich derartig teuer auszustatten. Außer am Bahnhof herumzustehen schienen sie nichts weiter zu tun. Also- wo war die Kohle her, die sie brauchten, um so teures Zeug zu haben?
In Gedanken versunken, betrat sie die Transponderkabine, verspürte das vertraute Saugen und erschien, immer noch grübelnd, einige Sekunden später am Schalter des zuständigen Sekretärs des Verwendungsoffiziers.
Der Sekretär entstammte offenbar einem der Neuen Völker, vielleicht ein Sabarint, wenn er auch zu viele und zu lange Arme hatte. Die blank polierte Kuppe seines Schädels schimmerte in einem der altmodischen Blautöne, die sich in der Verwendungsbehörde noch als Rangzeichen gehalten hatten. Je dunkler das Blau, desto höher gestellt der Träger. Dieser hier trug ein blasses Lila, und Sib hatte keine große Hoffnung, schnell zum VO durchgelassen zu werden.
Und richtig.
Der Sekretär verzog die Nasen, als der stechende Geruch des Seesacks durch das Plasmafeld sickerte, und forderte sie mit einer beleidigten Geste auf, sich zu identifizieren.
Sib verdrehte die Augen.
Herrje. Sie war doch nicht von gestern. Außer ihr war niemand hier. Der Heuertermin war lange vorbei, die Chance, dass noch mehr Leute unterwegs waren zu ihren neuen Stationen war gleich Null. Sie hatte einen Termin, und sie war bereit, den Seesack samt Inhalt darauf zu verwetten, dass er ganz genau wusste, wer sie war.
Mit einem unterdrückten Seufzer legte sie die Handfläche auf die ID-Platte.
Der Scanner fiepte beinahe sofort. Wenigstens einem war hier klar, was sich gehörte.
Ungeduldig winkte der Typ mit einer Hand in die Richtung, von der sie genau wusste, dass Cameron sein Büro dort hatte.
Cameron. Ein bisschen mulmig war ihr ja- seit der Explosion auf Grautame Theta hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er hatte sich nach ihr erkundigt, das hatte man ihr auf ihre Frage hin bestätigt. Na ja, „Frage“ war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Ein wenig Kenntnisse in Speichermanipulation waren nötig gewesen, um dem Pflegebot die Informationen aus den Chips zu kitzeln. Irgendein vergesslicher Wartungstechniker hatte sein Handbuch liegen lassen, und damit, sowie mit ein paar fast vergessenen Tricks aus ihrem Studium war es dann ganz gut gelaufen.
Der Bot hatte keine eingebauten Empathie-Sensoren (was man der Pflege anmerkte- da würde noch einiges zu verbessern sein), und so konnte sie ihm keine Angaben darüber entlocken, mit welcher Intention Cameron gefragt hatte.
Aber er hatte immerhin gefragt, was bedeutete, dass er irgendeine Art von Interesse für sie bewahrt hatte.
Vor Camerons Bürotür war der übliche Parcours aufgebaut: Bodyscanner, die Schwerefelder zur Aufnahme der Kleidung und Transportbehälter der Besucher, sowie der Dispenser für die Einmalkleidung.
Ziemlich gelangweilt betrat sie das Scanfeld, zog die Karte mit der Mengenangabe des in ihrem Bein enthaltenen Siliziums und des Titans in ihrem Schädel durch den Schlitz, und zog dann den schmuddeligen Overall aus. Sie legte den Seesack und den Overall in den Einzugskreis für das Schwerefeld und hoffte, dass die Flasche mit dem 2066er Champagner die Sicherheitsaufbewahrung überleben würde. Einen Moment lang amüsierte sie sich mit der Frage, wie wohl die empfindliche Elektronik auf Zucker, Alkohol und Kohlensäure reagieren würde, dann warf ihr der Dispenser einen neuen Overall zu.
Oh.
Es gab wohl doch etwas Neues. Vermutlich war einmal zu viel und einmal beim Falschen der ausgegebene Papieroverall gerissen und hatte denjenigen ziemlich alt und nackt aussehen lassen- die neue Variante war aus Stoff, wenn auch aus billigem, ungefärbtem Zectron.
Sie zog das Kleidungsstück an, und bewunderte die Ingenieurskunst, die sich darin ausdrückte. Eigentlich sollte der Apparat schon aus der Datenbank der Explorerflotte wissen, dass sie weiblich war, humanoid, mit jeweils zwei Armen und Beinen, und theoretisch konnte es nicht weiter schwer sein, aus dem gespeicherten sonstigen Datenbestand zu entnehmen, wie groß und wie schwer sie war- außerdem kam noch der Bodyscan hinzu, der ihre Maße nahm und die mit den gespeicherten Angaben verglich. Trotzdem schaffte es diese mistige Maschine, etwas auszuspucken, was vermutlich auch dem Sabarint an der Empfangstheke gepasst hätte.
Auf jeden Fall hatte das Ding einen Ärmel zu viel, spannte im Schritt, weil das Oberteil zu kurz war, dafür waren die Beine so lang, dass sie sie umschlagen musste, damit sie unfallfrei gehen konnte.
Sie fummelte eine Weile an den Verschlüssen und ärgerte sich wieder einmal, dass teure Technologie für diese Dinger verschwendet wurde. Was war nur aus den guten, alten Knöpfen geworden?