Mit Alpha Gamma hatte Cameron sie wirklich voll erwischt, dachte Sib, nachdem sie im Shuttle Platz genommen und sich angeschnallt hatte. Bis zu ihrem Bestimmungsort wären sie noch eine ganze Weile unterwegs- ihre letzte Chance also, sich Gedanken dazu zu machen, wie es weitergehen würde.
Der Pilot flog zwar wie ein Verrückter, aber wie einer, der sich auskannte. Vielleicht war das schon ein Symbol für das gesamte Kommando…
Alpha Gamma, eine der schmuddeligsten, vergessensten, heruntergekommensten Stationen, die man sich denken konnte , mit dem Charme eines Schlachtschiffs cum Rattenplage und dem Karma einer Sondermülldeponie- sowie dem zusätzlichen Reiz eines abgelegten Liebhabers in befehlshabender Position. Glücklicherweise nicht in ihrer Befehlskette, da sie als leitende Ärztin direkt dem Brigadier General unterstellt war, aber zu normalen Zeiten ihr gleichgestellt, und zumindest bei Lagebesprechungen würde sie ihm nicht aus dem Weg gehen können.
So ein verdammter Mist. Der Typ war eindeutig psychotisch gewesen, und was sie dazu bewogen hatte, sich mit ihm einzulassen, war ihr schon lange nicht mehr klar. Immerhin bestand eine schwache Aussicht, dass er sie inzwischen einfach vergessen hatte. Elektroschocks hatten manchmal einen gewissen Gedächtnisverlust als Nebenwirkung.
Als die Innenbeleuchtung des Shuttles sich kurz vor dem Andockmanöver ausschaltete, zwang sie sich, ein unbefangenes und neutrales Gesicht zu machen, damit sie wenigstens eine kleine Chance hatte, sich nicht gleich vollkommen unbeliebt zu machen.
Das Shuttle sonderte bizarres Zischen, Klappern und sonstiges Getöse ab, während der Pilot in dem schwachen Schwerefeld der Station versuchte, was zusammen gehörte auch zusammen zu bringen.
Schließlich war es soweit, die Luftschleusen öffneten sich und mit Erleichterung registrierte Sib, dass der Druck wieder Normalniveau erreichte. Die meisten dieser älteren Shuttles waren undicht, und um den steten Druckverlust sozusagen vorweg zu kompensieren, herrschte ein konstanter Überdruck, der empfindlicheren Naturen gehörig auf die Trommelfelle schlug.
Sie schnallte sich los, streckte sich nach der Gepäckkammer über den Sitzen und holte ihren Seesack hervor.
Dann warf sie ihn über die Schulter, rückte das Koppel mit den Rangabzeichen und ihrer Waffe gerade, straffte den Rücken und verließ das Shuttle durch die Luke. Über der Lehne des Sitzes hing schlaff und vergessen der Umhang, der sie als Mitglied des medizinischen Korps auswies.
Der erste Eindruck, den sie von der leibhaftigen Station hatte, war das üble Grün, mit dem die Wände und die Schotts gestrichen waren. Und den Gestank nach Testosteron.
Die Notbeleuchtung machte das Gefühl nicht wett, in einem schimmeligen Laib Brot umherzugehen, sondern fügte dem ganzen auch noch unheilverkündende Schatten und, mittels einiger defekter Leuchtkörper, ein vages Flimmern und Flackern hinzu.
Große Klasse. Da hatte jemand am Renovierungsfonds gespart. Und zwar kräftig.
Sie seufzte, und hoffte wider besseren Wissens, dass sie am Lieferantendeck gelandet war, und dass so eine deprimierende Ecke der Station nicht etwa auch für Botschafter und Offizielle anderer Mächte der erste Eindruck dieses Außenpostens der Zivilisation wäre.
Mit erneutem Zischen schloss sich die Schleuse zum Shuttle, und der Pilot legte ab. Stille kehrte ein, nur ein dumpfes Brummen, mehr gefühlt als gehört, füllte den Raum.
Die Generatoren wahrscheinlich.
Die kleine Gangway bebte und wackelte, dann hatte sie endlich festen Boden unter den Füßen.
Langsam ging sie den Gang hinab. Er schien vor ihr immer enger zu werden, wie ein Trichter - kein Schild, kein Hinweis, aber auch keine Möglichkeit, abzubiegen oder sich zu verlaufen. Nur endlos grüne Wände, Hunderte von Metern lang.
Dass es überhaupt vorwärts ging merkte sie nach einer Weile daran, dass sie sich den Generatoren zu nähern schien, jedenfalls wurde das Brummen lauter, und schließlich hörte sie Stimmen. Laute Stimmen, wie sie bald bemerkte, Gebrüll und Gepolter, dann ein Johlen und Pfeifen wie bei den Gladiatorenkämpfen auf Aulatis, dem Vergnügungsasteroiden im Sektor Epsilon Theta.
Der Lärm kam eindeutig irgendwo von rechts, und nach fünf oder sechs weiteren Minuten erreichte sie die erste Abzweigung, seit sie die Station betreten hatte.
Sie bekam jedoch keine Gelegenheit, den Raum zu betreten, der sich da öffnete, denn beinahe sofort rannte jemand sie um.
Verblüfft starrte sie dem langen Typ hinterher, der, seine rechte mit der linken Hand schützend vor die Brust haltend, ohne sie weiter zu beachten den Gang hinunter eilte.
Sie zuckte mit den Schultern. Merkwürdiges Volk hier.
Sie wandte sich wieder der Tür zu, nur um erneut umgerannt zu werden, diesmal von einem riesenhaften Kerl, der ziemlich versengt roch.
Die Hände hielt er vor dem Gesicht, und laut stöhnend und brüllend wie ein angeschossener Bulle taumelte er hinter dem ersten her.
Der Lärm war inzwischen verstummt und so etwas wie betretenes Gemurmel machte sich breit.
Den Kopf auf die Brust gesenkt (um potenzielle Verletzungen zu vermeiden) und mit hochgezogenen Schultern bog Sib endgültig um die Ecke und betrat den Raum.
Dienstag, 13. Oktober 2009
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
test
AntwortenLöschen